Betriebsreportage GASCADE

Unter hohem Druck

GASCADE betreibt die Anlandestation am Ende der Nord-Stream-Pipeline in Lubmin

Merlin Nadje-Torma

Alles dicht - Steffen Ihrke und seine Kollegen kontrollieren regelmäßig, ob irgendwo Gas austritt.
08.04.2019
  • Von: Wolfgang Lenders

Wenige Meter hinter dem Ostseestrand kommen zwei riesige Rohre aus dem Boden: Direkt neben dem Hafenbecken von Lubmin im äußersten Nordosten Deutschlands ist die Erdgasübernahmestation der Opal Gastransport, genannt »Anlandestation Greifswald«. Etwa 6,8 Millionen Kubikmeter Gas kommen pro Stunde durch die Nord-Stream-Pipeline aus Russland hier an. Über 1224 Kilometer verlaufen die Rohre auf dem Meeresboden der Ostsee bis nach Lubmin. Aufgrund der öffentlichen Diskussion um ihren weiteren Ausbau dürfte North Stream die bekannteste Pipeline Deutschlands sein.

Die Anlandestation ist Teil des Netzes der Opal Gastransport und wird in deren Auftrag von der Gascade betrieben. Hier wird das Erdgas zum Weitertransport auf zwei Pipelines verteilt. Die OPAL (Ostsee-Pipeline-Anbindungsleitung) verläuft bis zur tschechischen Grenze, die NEL (Nordeuropäische Erdgasleitung) bis nach Niedersachsen.

René Döbbert sitzt vor einer Reihe von Bildschirmen. »Von hier aus wird die Anlage überwacht«, sagt er. »Ich kann unter anderem sehen, wie viel Gas ankommt, welche Temperaturen und welche Drücke in den Rohrleitungen herrschen.« Er ist als Facharbeiter zusammen mit seinen Kollegen für das Funktionieren der Erdgasübernahmestation zuständig.

Steffen Ihrke, ebenfalls Facharbeiter, steht an einem der Ventile im sogenannten Offshore-Bereich der Station. Hier hat das Gas noch den Druck, mit dem es aus der Nord-Stream-Pipeline kommt. Hinter dem Ventil ist in einem großen Gehäuse ein Filter. »Wenn zum Beispiel durch Arbeiten Verunreini- gungen in der Pipeline sind, dann sammeln sie sich hier«, erklärt er. Wenn der Filter zu stark verschmutzt ist, löst ein automatisches Messsystem einen Alarm aus. »Dann müssen wir einen Filterwechsel machen.« Er und seine Kollegen sperren dann den Zufluss zum Filter ab und drücken mit Stickstoff das verbliebene Gas aus den Rohren. Dann kommt eine Fremdfirma, die den Filter tauscht.

Im Jahr 2018 sind rund 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas durch die zwei Rohre der Nord-Stream- Pipeline geströmt. Zum Vergleich: Ganz Deutschland verbraucht pro Jahr etwa 85 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Das Gas, das in Lubmin ankommt, ist allerdings nicht nur für den deutschen Verbrauch; ein Teil wird in andere Länder weitergeleitet.

Damit Das Erdgas die mehr als 1200 Kilometer auf dem Meeresboden überwinden kann, wird es im russischen Wyborg mit dem extrem hohem Druck von 220 bar in die Pipeline eingespeist. Etwa die Hälfte davon geht auf der Strecke verloren. Da es im deutschen Netz maximal 100 bar haben darf, muss die Anlage den Druck reduzieren. Das Gas wird jedoch kälter, wenn es entspannt wird. Bei zu großer Kälte kann im Gas enthaltenes Wasser gefrieren und Filter verstopfen. Daher wird das Gas erwärmt. »Die Temperatur wird vor der Druckreduktion so eingestellt, dass nachher die gewünschte Temperatur herauskommt«, erklärt René Döbbert. Wichtig ist natürlich, zu wissen, wie viel Erdgas geliefert wird. Dazu gibt es Gebäude mit Zählern, je eines am Beginn der beiden abgehenden Pipelines OPAL und NEL. Mittels Ultraschall messen sie den Durchfluss.

Falko Buschmann ist auch Teil des Teams der Gascade und Mitglied des Betriebsrats für den Betriebsbereich Ost. Er ist als Facharbeiter im Pipeline-Bereich und für Kontrolle und Betrieb der Leitungen zuständig, die in Lubmin beginnen. »Wir haben als Betriebsrat ein relativ gutes Verhältnis zum Unternehmen «, sagt er. Konfliktsituationen seien selten; trotzdem gelte es, die Interessen der Kollegen zu vertreten. So haben die Betriebsräte mit dem Unternehmen zum Beispiel eine Vereinbarung ausgehandelt, die es den Beschäftigten ermöglicht, einen Zuschuss zu bekommen, wenn sie ein Fahrrad – möglich ist auch ein E-Bike – leasen. »So kommt man gesund zur Arbeit«, sagt Falko Buschmann. Auch Eltern werden unterstützt: Gascade zahlt ihnen einen Zuschuss von bis zu 100 Euro pro Monat für Kinderbetreuung. Gerade für die Beschäftigten in Lubmin ist das wichtig. »Das hier ist eine sehr, sehr junge Station«, sagt Falko Buschmann. Das liege vor allem daran, dass sie zum Start der Nord-Stream- Pipeline im Jahr 2011 neu aufgebaut worden sei.

»Wir haben andere Stationen in unserem Netz, wo zum Teil wesentlich ältere Kollegen arbeiten. Fachkräftemangel ist ein großes Thema.« Es gebe Stellen, auf die sich einfach niemand bewerbe, der dem Anforderungsprofil entspreche. Daher bildet Gascade selbst aus.

In Lubmin wird es bald sogar neue Arbeitsplätze geben: In der Nähe der bestehenden Gasübernahmestation wird die Nord-Stream-II-Pipeline anlanden. Dort entsteht eine zweite, technisch von der bestehenden komplett getrennte Übernahmestation. Durch sie kann sich die Menge des über Lubmin eingespeisten Erdgases verdoppeln.

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