"Einer von uns"

Seit mehr als 40 Jahren ein integrierter Türke

Es käme Serhat Güngör nie in den Sinn, sich als leuchtendes Integrationsbeispiel zu bezeichnen. In solchen Kategorien denkt der 43-Jährige nicht. "Ich habe hier die gleichen Möglichkeiten bekommen, wie jeder andre auch", sagt er mir Überzeugung und möchte am liebsten nicht viele Worte darüber machen. Dabei kann er eine Menge erzählen. Serhat Güngör blickt auf mittlerweile 22 Jahre Tätigkeit für den Mainzer Glasspezialist Schott zurück.

Begonnen hat er dort als Arbeiter in der längst nicht mehr existierenden Fernehabteilung, heute ist er Schichtführer im Bereich Robax Kaminsichtscheiben und leitet ein 25-köpfiges Team, engagiert sich außerdem im Betriebsrat. "Es hat sich eben so alles ergeben" erzählt der Mann mit dem markanten Schnauzbart in seinem Büro, von dem aus er die Produktion überblicken kann. Als er 1991 bei Schott anfing, war die Zeit der großen Anwerbung ausländischer Mitarbeiter in Deutschland längst vorüber. Sein Vater, Gastarbeiter der ersten Generation, hatte diese Zeit noch erlebt, als er 1971 mit der Familie Istanbul verließ, um sich in Deutschland ein besseres Leben aufzubauen. Da war Serhat noch keine 2 Jahre alt. Im hessischen Bischofsheim ließ sich die Familie schließlich nieder, der Vater arbeitete zunächst bei Opel, später bei der Bahn und nach Feierabend half er der Mutter, die sich als Schneiderin selbständig gemacht hatte. Das hört sich schon sehr nach dem Klischee der typischen türkischen Gastarbeiterfamilie an, das Serhat Güngör aber nicht bedienen will. "Mein Bruder und ich sind in Bischofsheim in die Kita und in die Schule gegangen. Wir hatten fast nur deutsche Freunde und haben untereinander Deutsch gesprochen", erzählt Güngör - selbstverständlich in aktzentfreiem Deutsch. Nach seinem Realschulabschluß folgt die dreijährige Ausbildung zum Industrie-Isolierer. 1991 kam er zu Schott in die Fernsehabteilung. "Es war eine harte Arbeit, aber auch eine gute Arbeit, mit viel Kollegialität". Serhat Güngör wechselte schließlich in die Robax-Produktion. "Das war eine anspruchsvolle Produktionstätigkeit", erklärt er. Und im gleichen Maße, in dem sich diese anfangs noch kleine Abteilung ständig weiterentwickelte, kam auch Güngör voran. Seit 1998 ist er Schichtführer, zunächst verantwortlich für sieben Mitarbeiter, mittlerweise sind es 25. Er ist stolz auf seine Abteilung. "Unser Produkt ist ein Renner, weil wir es können", sagt er über die Kaminschichtscheiben aus Glaskeramik, die unter seiner Aufsicht gefertigt werden. Außerdem engagiert sich der 43-Jährige seit elf Jahren im Betriebsrat. Dort ist er Mitglied in der EDV- und Planungs- sowie in der Weiterbildungskommission. Die Weiterbildung der Mitarbeiter hat im Unternehmen einen hohen Stellenwert. "Jeder kann und soll teilnehmen und wird unterstützt, egal, ob Deutscher oder Ausländer", sagt Güngör. Der Vater von zwei 16 und 19 Jahre alten Töchtern lebt mit seiner Frau noch immer in Bischofsheim. Er ist davon überzeugt, dass es die heutige Jugendendlichen mit ausländischen Wurzeln schwerer haben, sich zu integrieren. "Als meine Eltern nach Deutschland kamen, gab es hier noch kein türkisches Fernsehen, keine türkischen Lebensmittelgeschäfte. Wir mussten zum deutschen Bäcker gehen und deutsches Fernsehen anschauen, wir mussten Deutsch lernen und konnten uns nicht zurückziehen", erklärt Güngör. Serhat Güngör lebt gerne in Deutschland. "Mir gefällt die deutsche Kultur, die Rahmenbedingungen, die man hier vorfindet, dass man frei seine Meinung sagen kann". Dennoch hat er bewußt nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. "Ich bin ein Türke, der in Deutschland lebt und hatte dadurch nie Nachteile", sagt er selbstbewußt, auch wenn es ihn schmerze, dass er als politisch interessierter Mensch nicht wählen dürfe. Die politisch überkorrekte Formulierung "Deutscher mit Migrationshintergrund" mag er jedenfalls nicht. "Das ist für mich ein negativer Stempel", sagt er und bleibt deswegen lieber ein Türke, der voll und ganz integriert ist.

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